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Ausbildung & Beruf

11.02.2019 15:00 Uhr

Wo hat meine Bewerbung eine Chance?

Der gute Abschluss einer Ausbildung allein ist noch lange keine Garantie für den Erfolg
Bevor man eine Bewerbung schreibt, sollte man erst einmal den Markt analysieren, um sich aussichtsreiche Chancen ausrechnen zu können. Foto: GT
Bevor man eine Bewerbung schreibt, sollte man erst einmal den Markt analysieren, um sich aussichtsreiche Chancen ausrechnen zu können. Foto: GT
Von Lukas Leist 

Hochschul-Absolventen erliegen beim Sich-Bewerben oft dem Herdentrieb. Das heißt, sie bewerben sich zunächst fast alle bei den Konzernen, die bekanntermaßen als die Top-Arbeitgeber gelten. Selbst wenn eigentlich klar ist: Bei ihnen haben sie keine Chance.

„Eine Stelle finden? Kein Problem!“ – das dachte die frischgebackene Betriebswirtin Celina Link vor einem Jahr. „Zwar sind die Noten meines Masterabschlusses im Bereich Marketing nicht absolut top, doch dafür spreche ich Englisch gut und Französisch fast perfekt – unter anderem, weil ich ein Jahr in Paris studierte.“ Entsprechend zuversichtlich war die damals 24-Jährige anfangs, als sie sich bewarb. Doch ihre Zuversicht schrumpfte. Denn in den Folgemonaten erhielt sie auf ihre zahlreichen Online-Bewerbungen bei Großunternehmen entweder außer der automatischen Empfangsbestätigung gar keine Antwort oder eine zwar nett formulierte, doch eindeutige Absage. „Meine 65 Bewerbungen im ersten Halbjahr waren alle ein Flop“, konstatiert Celina Link rückblickend. „Nicht einmal zu einem Vorstellungsgespräch wurde ich eingeladen.“

Ganz ähnlich erging es Lukas May. Auch er dachte nach seinem Informatik-Studium: „Eine Stelle finden? Kein Problem!“ Doch auch er erhielt nur Absagen. Das überraschte ihn. Zwar waren auch seine Noten nicht die allerbesten. Und die Regelstudienzeit hatte er deutlich überschritten – weil er sein Studium weitgehend selbst finanzierte. Doch dafür hatte er in seinen zahlreichen Jobs bereits reichlich Programmier- und Projekterfahrung gesammelt. Doch das interessierte die angeschriebenen Unternehmen offensichtlich nicht. Zumindest hatte er ein halbes Jahr nach Studienende immer noch keine feste Stelle.

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Absagen sind oft vorhersehbar

„Ähnliche Erfahrungen sammeln viele Hochschulabgänger“, betont Personalberater Alexander Walz aus Stuttgart, „obwohl alle Welt von einem Mangel an Fach-und Führungskräften spricht“. Wenn sie keine 1A-Abschlüsse von renommierten Hochschulen haben, bekommen sie auf ihren ersten Schwung Bewerbungen oft nur Absagen – selbst wenn sie Auslands- und Praxiserfahrung haben. „Doch daran sind die Hochabsolventen häufig selbst schuld.“ Denn sie verfahren beim Sich bewerben nach der Devise: „Vielleicht hab’ ich ja Glück.“ Das heißt, sie analysieren nicht zunächst: Wo habe ich aufgrund meines Abschlusses, meiner Noten sowie meiner Jobs und Praktika eine realistische Chance? Stattdessen bewerben sie sich zunächst fast alle bei den börsennotierten internationalen Konzernen, die bei Befragungen von Studierenden am häufigsten als die beliebtesten Arbeitgeber genannt werden – unabhängig davon, ob diese Porsche oder BMW, Google oder SAP, Adidas oder L’Oréal heißen.

Über diese Unternehmen ergießt sich eine Flut von Bewerbungen. Also können sie die Kandidaten auswählen, deren Abschlüsse absolut top sind und die auch ansonsten einiges vorzuweisen haben – obwohl dies, laut Walz, „nicht automatisch die besten Nachwuchskräfte sind. Denn häufig handelt es sich hierbei um die gepamperten Sprösslinge gut betuchter Eltern“. Und die restlichen Bewerber? Sie erhalten eine Absage, die vorhersehbar war.

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Falsche Strategie

Das könnte man als Erfahrung abhaken, wenn aus diesem Bewerber-Verhalten nicht oft ein Folgeproblem resultieren würde: Bis so manch Hochschulabsolvent begriffen hat, wo sich eine Bewerbung wirklich lohnt, vergeht häufig ein halbes Jahr und länger. Und wenn er sich dann endlich bei den richtigen Unternehmen, häufig Mittelständlern, bewirbt, hat er schon sechs bis zwölf Monate Stellensuche hinter sich. Also fragen sich die nun kontaktierten Unternehmen: Warum fand der Bewerber noch keine Stelle? Ist er vielleicht eine „taube Nuss“? Das heißt, sie beäugen den Bewerber kritischer, als wenn sein Abschluss noch druckfrisch wäre. So war es auch bei Celina Link. Als sie sich endlich bei Mittelständlern und „Hidden champions“ bewarb, wurde sie in den Vorstellungsgesprächen eigentlich stets gefragt: Was haben Sie in denn letzten neun Monaten gemacht? Warum haben Sie noch keine Stelle? Und: Warum bewerben Sie sich erst jetzt bei uns?

Analysieren

Auch bei Lukas May dauerte es fast ein halbes Jahr, bis ihm klar war: Ich muss meine Bewerbungsstrategie ändern. Also analysierte er mit einem Kumpel, einem berufserfahren IT-ler: Welche größeren Unternehmen in der Region könnten eventuell einen Informatiker mit meinem Profil brauchen? Eines dieser Unternehmen war eine große Bausparkasse – „ein Unternehmen, das ich zuvor als potenziellen Arbeitgeber gar nicht auf dem Monitor hatte, weil mir nicht bewusst war,dass auch für Banken viele Informatiker arbeiten“. May bewarb sich, und einen Monat später hatte er eine feste Stelle – nach zwei Vorstellungsgesprächen, „in denen meine Noten und meine Studiendauer eigentlich nie ein Thema waren. Vielmehr ging es darum, welche Programmier- und Projekterfahrung ich in meinen Jobs gesammelt habe“.

Weniger glücklich verlief die weitere Stellensuche bei Celina Link. Denn in den Vorstellungsgesprächen fragten die Mittelständler sie über welches Praxis-Know-how sie im Marketing-Bereich verfüge. Ob sie wisse, worauf man bei der Konzeption und beim Einsatz der verschiedenen Marketinginstrumente achten müsse. Sie musste eingestehen: „Ich habe zwar Internationales Marketing studiert, doch davon habe ich wenig Ahnung.“ Deshalb arbeitet sie heute als Praktikantin bei einer Werbeagentur, um sich jetzt das noch fehlende Praxis wissen anzueignen. DK

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