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Paul Kleebinder, Bundesfreiwilliger bei Slow Food Deutschland, über die Jugendbewegung, Kochen mit Flüchtlingen und den Wert von Essen

„Essen ist Beziehungsstifter“

erstellt am 23.09.2020 um 10:58 Uhr
Essen und Trinken - Herr Kleebinder, Sie arbeiten für Slow Food Deutschland in Berlin. Wie sind Sie auf das Thema Slow Food aufmerksam geworden?
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Paul Kleebinder hat seine Liebe zum Kochen bei einem Ingolstädter Projekt mit Flüchtlingen entdeckt. Foto: Marco Pirzer
Paul Kleebinder hat seine Liebe zum Kochen bei einem Ingolstädter Projekt mit Flüchtlingen entdeckt. Foto: Marco Pirzer

Paul Kleebinder: Auf Slow Food direkt bin ich durch einige Umwege gekommen. Zuerst habe ich meine Leidenschaft fürs Kochen entdeckt – durch eine sehr schöne Geschichte in Ingolstadt: Mit 17 war ich Mitglied der Jugendkulturredaktion Blickwinkel.Wir haben damals ein kleines Magazin herausgebracht und hatten einen Blog. 2015 hatten wir den Gedanken, dass wir uns der aktuellen Situation stellen wollen und die Flüchtlinge kennenlernen, über die immer so viel gesprochen wird. Wir haben uns überlegt, wie wir in Dialog treten könnten, und sind dann auf die Idee gekommen, zusammen zu kochen. Es war ein integratives Kochtreffen, ein interkulturelles Projekt, das wir „Alles in Butter“ genannt haben.

Und wie lief das ab?

Kleebinder: Wir haben uns jeden Freitag in unterschiedlichen Locations getroffen – das waren zum Teil Schulküchen, teilweise auch kleine Restaurants oder Bars, die uns den Platz angeboten haben. Wir waren eine Gruppe von 8 bis 20 Leuten – gemischt aus hier ansässigen und geflüchteten Menschen. Bei jedem Treffen haben wir einen Chefkoch bestimmt, der dann gezeigt hat, wie er das Lieblingsgericht seiner Mama aus seinem Heimatland kocht. Ich hab halt Semmelknödel mit Champignonrahmsoße gemacht. Und der Semere aus Äthiopien hat dort das Fladenbrot, das traditionelle Essen seiner Familie, wenn sie mittags von den Feldern kamen, zubereitet. Ich glaube es ist der schönste und einfachste Weg, zwei oder mehrere Personen in Dialog zu setzen, wenn sie gemeinsames Essen zubereiten und gemeinsam an einem Tisch genießen. Weil Essen – und das ist dann auch der Schnittpunkt mit Slow Food – ist Kultur und Essen ist Beziehungsstifter. Als Highlight haben wir dann ein Kochbuch herausgebracht.

Und wie haben Sie vom Kochen zu Slow Food gefunden?

Kleebinder: Das war noch während meiner Gymnasialzeit in der Oberstufe in Ingolstadt. Dort wurde mir klar, dass Kochen und Essen eben mehr als Nahrungsaufnahme ist. Deshalb bin ich dann nach meinem Abitur erstmal für ein Dreivierteljahr nach Italien gegangen und hab versucht, kochen zu lernen. In einem Albergo, das ist die italienische Form eines einfachen Gasthauses, in Cantello. Mit großem Erfolg und großer Freude. Nach dem Kochwanderjahr habe ich dann zurück in Deutschland ein duales Studium Food Management in Heilbronn begonnen, was mir ganz viele Stellschrauben des Lebensmittelsystems gezeigt hat. Das Studium umfasst alles von der Urproduktion bis hin zum Verbraucher und zur Gastronomie. Und in diesem Rahmen, kombiniert mit meinem zusätzlichen Wissen, habe ich einfach gesehen, was an unserem Ernährungssystem in Deutschland, aber auch in der westlichen Welt schief läuft und was Korrektur benötigt. Das sind Slow-Food-Themen.

Sie sind Mitglied bei Slow Food Youth. Was ist das genau?

Kleebinder: Slow Food und Slow Food Youth sind Vereine und arbeiten in die gleiche Richtung. Slow Food Youth ist der Jugendverein für eine jüngere Zielgruppe von Slow Food Deutschland, obwohl wir den Begriff jünger sehr weit definieren. Das sind Leute im Alter zwischen 16 und 35. In den lokalen Slow-Food-Youth-Gruppen sind wir in Netzwerken organisiert – das sind in Deutschland gerade acht.

Zu dem Projektwochenende „Fisch für die Zukunft“ gehörte auch eine Demonstration im Filetieren. Foto: Carina Adam/Slow Food
Zu dem Projektwochenende „Fisch für die Zukunft“ gehörte auch eine Demonstration im Filetieren. Foto: Carina Adam/Slow Food

Was machen Sie in den Gruppen?

Kleebinder: Wir organisieren verschiedene Aktivitäten wie zum Beispiel Schnippeldiscos – das ist die Verwertung von nicht marktfähigem Gemüse. Dann besuchen wir Höfe und schaffen Lieferanten- und Produzentennetzwerke – also die Verbindung von Stadt und Land, Konsument und Produzent – um dort ins Gespräch zu kommen. Es geht uns um Austausch. Außerdem organisieren wir Workshops, weil wir natürlich alle ganz unterschiedliche Hintergründe haben. Und es geht um politische Kampagnenarbeit. 

Warum das?

Kleebinder: Da sind wir beiden Grundthemen von Slow Food. Slow Food Youth will die Verbindung zwischen Genuss und Politik schaffen. Genuss geht nur über Verantwortung. Ich muss wissen, wo mein Essen herkommt. Ich bin darüber hinaus auch verantwortlich dafür und das muss mir bewusst sein – wie ich die Welt um mich herum, durch das was ich esse, forme. Das klingt erst mal abstrakt. Aber das Essen, was wir uns jeden Tag auf die Gabel packen, ist mit das mächtigste Werkzeug, das wir alltagspolitisch so haben – würde ich behaupten. Wir essen alle dreimal am Tag und das im Durchschnitt 80 Jahre lang. Das sind dann circa 100 000 Mahlzeiten und die definieren, wie die Welt um uns herum aussieht. Und bei Slow Food Youth haben wir oft, das ist glaub ich auch unserem Alter geschuldet, einen politischen Fokus, der uns auch ganz wichtig ist.

Wie zeigt sich der?

Kleebinder: Wir handeln nach dem Motto „Denken, schmecken, Welt bewegen“. Denken bedeutet die Auseinandersetzung mit dem System und der Verfügbarkeit, was wir überhaupt haben. Wenn ich in den Garten meiner Oma schaue, bin ich begeisterter als ich es in jedem Supermarkt bin. Weil die echte Vielfalt, die es dort durch die alten Sorten und Geschmacksnuancen gibt, ist natürlich viel größer als industrialisierte Einheitsware. Schmecken steht für das Sensorische, für die Geschmackserlebnisse und auch die, die es eben abseits der industriellen Lebensmittel gibt.Und an dritter Stelle der Aspekt „Welt Bewegen“: Essen ist politisch und Essen muss auch politisch von allen Facetten betrachtet werden. Und das ist ein großer Kritikpunkt an der Ernährungspolitik. Es wird immer nur in Ressorts betrachtet, das heißt beispielsweise Umweltbundesamt und Gesundheitsminister schauen aus unterschiedlichen Blickwinkeln auf das Thema. Dann kommen die Verflechtungen der globalen Lieferketten dazu, wo es dann um soziale Gerechtigkeit, Transparenz und Freihandelsabkommen geht. Und daher kommt, dass ganz vieles nicht stimmig ist und nicht durchdacht.

Was tun Sie zur Aufklärung dieser ganzen Missstände?

Kleebinder: Da würde ich gerne ein konkretes Projekt vorstellen, das ich im Rahmenmeines ökologischen Bundesfreiwilligendienstes bei Slow Food Deutschland begleite: die Slow Food Youth Akademie. Darin setzen wir uns mit Alternativen zum aktuellen Lebensmittelsystem auseinander. Und das passiert in acht Themenwochenenden, die sich meist an Warengruppen orientieren und die komplette Wertschöpfungskette beleuchten. Die 25 Teilnehmer sind aus diversen Bereichen, beispielsweise Köchinnen, Journalisten, Landwirte, Soziologen,Agrarwissenschaftler und auch ein Arzt. All diese verschiedenen Blickwinkel helfen uns das Thema ganzheitlich zu betrachten. Als konkretes Beispiel: Eines der letzten Wochenenden war zum Thema „Fisch für die Zukunft“. Dafür waren wir an einem Ort, an dem man es primär nicht vermutet, und zwar in der Oberpfalz. Die heißt auch „Das Land der tausend Teiche“. Weil dort die traditionelle Karpfenteichwirtschaft einen unglaublichen Kulturschatz birgt. In dem Rahmen haben wir eine junge Fischwirtin auf ihrem Fischhof besucht. Ganz wichtig ist auch immer der praktische Bezug:Wir waren direkt bei ihr auf dem Hof, wir sind bei ihr um die Teiche gelaufen, dann wurden wir von der Oma bekocht. Und es geht bei allen Slow-Food-Aktivitäten auch immer darum, die kulturelle Leistung, die dahinter steckt, wertzuschätzen. Und auch den Schätzen, die es vor der Haustür gibt, eine Stimme zu geben. An diesem Fischereiwochenende war es eben der Karpfen, der unsere Aufmerksamkeit bekommen hat. Und darum geht’s. Ein Thema und die Frage:Wie können wir nachhaltige Ernährungssysteme aufbauen?

Letzte Frage: Wie sieht es mit der Jugendbewegung in Ingolstadt aus?

Kleebinder: Ich sehe in Ingolstadt ein riesiges Potenzial auch für eine Slow-Food-Youth-Gruppe. Weil es hier schon eine aktive lokale Gruppe gibt, die mit einem super Netzwerk und super Expertise unterstützen kann. Dazu gibt es viele Studierende in der Stadt, es ist eine lebendige Stadt. Und ein Aspekt zu Slow Food Youth noch: Wir handeln alle lokal, aber sind global vernetzt und das ist wunderschön.

Die Fragen stellte Doris Mayr.

Zur Person

Paul Kleebinder (23) kommt aus Ingolstadt. Er hat Dual Food Management studiert und macht derzeit einen ökologischen Bundesfreiwilligendienst in der Geschäftsstelle von Slow Food Deutschland in Berlin.

SLOW FOOD IN INGOLSTADT

Ingolstadt hat ein gut funktionierendes Slow-Food-Netzwerk. Interessierte können sich beim Leiter des Conviviums – so werden die lokalen Gruppen genannt – melden: Michael Olma ist telefonisch unter der Nummer (0841) 37 90 55-3 oder per E-Mail an ingolstadt@slowfood.de erreichbar.

Für die Slow-Food-Youth-Gruppe ist Paul Kleebinder aus Ingolstadt der Ansprechpartner. Er ist per E-Mail an youth@slowfood.de erreichbar. DK