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Berufswahl 2019

27.09.2019 12:00 Uhr

Nicht nur Schnitzerei

Holzbildhauer erlernen ein Handwerk mit langer Tradition – Sie brauchen Geduld und Geschick
Die Proportionen müssen stimmen: Dafür lernen angehende Holzbildhauer wie Sophia Böhner Übertragungstechniken wie das Punktieren. Foto: Angelika Warmuth/dpa
Die Proportionen müssen stimmen: Dafür lernen angehende Holzbildhauer wie Sophia Böhner Übertragungstechniken wie das Punktieren. Foto: Angelika Warmuth/dpa
Von Amelie Breitenhuber 

Mal mithilfe eines kleinen Schnitzmessers, mal mit der Motorsäge in der Hand konzentriert sich Sophia Böhner zwischen großen Stämmen und feiner Späne darauf, aus einem Stück Holz ein Kunstwerk zu schaffen. Die 21-Jährige lernt an der Berufsfachschule in Oberammergau die Grundlagen des Holzbildhauerhandwerks. „Wir haben das Glück, dass wir sehr breite Möglichkeiten haben, und auch viel über Holz hinaus kennenlernen“, erzählt sie.

Eigentlich gehört der Beruf zu den dualen Ausbildungen. In Betrieb und Schule lernen aber kaum mehr Azubis. Inzwischen bieten vorwiegend spezialisierte Berufsfachschulen die Ausbildung an. „Das liegt daran, dass die meisten Holzbildhauer heute Ein-Mann-Betriebe führen“, erklärt Michael Kühnert, Lehrer an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauerin Bischofsheim. Die hätten in der Regel keinen Bedarf an Auszubildenden. „Die klassischen Tätigkeiten, da wo das Handwerk herkommt, etwa Krippenfiguren in Masseherzustellen, gibt es immer weniger“, sagt er.

Holzbildhauer beginnen ihre Arbeit mit einer Zeichnung, entweder von konkreten Figuren und Skulpturen oder aber von abstrakten Objekten. „Also lernen auch die Auszubildenden erst mal Zeichnen“, erklärt Kühnert. Die Schüler fertigen zum Beispiel Stillleben, Akte oder Naturstudien an.

Im nächsten Schritt geht es darum, die zweidimensionale Zeichnung in eine dreidimensionale Form zu bringen. Dazu schaffen Holzbildhauer zunächst ein Vormodell aus Ton, dann eins aus Gips. „Und erst dann beginnt die Skulpturarbeit und das Formen in Holz.“ Neben Zeichnen und Modellieren stehen daher auch Fächer wie Drechseln und Schreinern auf dem Lehrplan.

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Die Schüler lernen den Umgang mit unterschiedlichen Werkzeugen wie Schnitzeisen, Sägen, Raspel oder Hobel. An der Holzbildhauerschule in Bischofsheim erwirbt jeder Auszubildende einen Maschinenschein. Denn auch große Geräte kommen zum Einsatz. „Am Anfang haben viele noch Respekt vor der Kettensäge“, erzählt Kühnert. Die Schüler würden sich aber schnell einarbeiten. „Das ist schön zu sehen. Man muss die Angst verlieren, aber nicht den Respekt.“

Sophia Böhner ist im zweiten Schuljahr ihrer Ausbildung. Nach einem einwöchigen Praktikum in der ersten Klasse an der Berufsfachschule stand für sie fest, dass die Ausbildung genau das Richtige für sie ist. Diese Möglichkeit, einen Einblick zu gewinnen, empfiehlt sie auch anderen. „Manche, die anfangs überzeugt waren, stellen dann fest: „Das ist eigentlich gar nicht meins“, sagt sie. Die meisten seien nach dem Praktikum aber von der Ausbildung begeistert.

Für den Zugang zur Ausbildung ist laut Bundesagentur für Arbeit keine Vorbildung vorgeschrieben. Viele der Berufsfachschulen haben jedoch einen Eignungstest. „An unserer Schule gehört dazu eine Mappe mit 15 grob vorgegebenen Motiven, zum Beispiel Naturstudien“, erzählt Böhner. Zudem könne jeder eigene Arbeiten mit einreichen.

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Außerdem findet vor Ort eine eintägige Prüfung statt, bei der die Bewerber zum Beispiel ihre Fähigkeiten im Porträtzeichnen oder im Reliefmodellieren unter Beweis stellen müssen. An der Berufsfachschule in Bischofsheim ist das ähnlich geregelt. „Die Aufnahmeprüfung haben wir, um zu sehen, ob die Bewerber kreatives und zeichnerisches Talent und räumliches Vorstellungsvermögen mitbringen“, erklärt Kühnert.

In einem Gespräch müssen Bewerber zudem erklären, warum sie die Ausbildung zum Holzbildhauer anstreben. „Wir gucken: Wie ernst nimmt derjenige das? Oder sind die Vorstellungen und Überzeugungen vom Beruf doch zu schwammig?“ Viele der angehenden Schüler hätten Abitur oder bereits ein Studium angefangen. Holzbildhauer arbeiten später längst nicht nur mit Holz. „Uns ist wichtig, dass die Schüler auch andere Materialien kennenlernen“, sagt Kühnert. Deshalb probieren sich die Auszubildenden auch mal im Schweißen aus, arbeiten an einem Steinmodell oder schnitzen im Winter an einem Eisblock.

Kreativität ist somit die wichtigste Voraussetzung für die Arbeit als Holzbildhauer. Die Schüler bekommen zum Beispiel das Thema „Unterwasserwelten“ vorgegeben und können sich austoben. „Da kann dann von Qualle bis Haifisch alles dabei sein“, sagt Kühnert. Nichtsdestotrotz gehören auch die „Klassiker“ zu jedem Ausbildungsjahr, etwa eine kaputte Christusfigur zu restaurieren oder Originalfiguren zu replizieren.

Die Auszubildenden bekommen Feinarbeiten genauso nahegebracht wie große Stammarbeiten. „Wir lernen zum Beispiel, wie man Porträts oder Akte modelliert, kleine Messerschneidefiguren schnitzt, und auch das Punktieren steht auf dem Stundenplan“, erzählt Böhner. Dabei geht es darum, Punkte eines Modells proportionsgetreu auf das Holz zu übertragen.

Die Arbeit mit Holz erfordert viel Geduld. „Man arbeitet zum Teil über einen Zeitraum von drei bis vier Monaten an einem Objekt“, erklärt die 21-Jährige. Geschick, Motivation und Disziplin sollten Interessierte ebenfalls mitbringen, ergänzt Kühnert. „Und man darf natürlich kein Problem damit haben, auch mal Holzstaub in die Nase zu bekommen.“

Die angehenden Holzbildhauer müssen sich überlegen, wie sie die Schulzeit finanziell stemmen können. „Wir bekommen an der Schule kein Lehrgehalt“, erklärt Böhner. Dass ihr Ausbildungsweg auch nicht in eine Festanstellung führt, ist Sophia Böhner bewusst. „Bevor man den Beruf ergreift, muss man wissen, dass es hinterher keine Stelle als Holzbildhauer gibt“, sagt sie. Die 21-Jährige ist aber fest entschlossen, den Weg als freischaffende Künstlerin zu gehen.

Es gibt ganz unterschiedliche Optionen nach der Lehrzeit. „Die Menschen arbeiten zum Beispiel als Restaurator, studieren Architektur, einige gehen an die Kunstakademie oder machen sich selbstständig, das ist ganz vielfältig“, erklärt Kühnert. Grob ließen sich zwei Richtungen unterscheiden: Die des klassischen Schnitzers, der sakrale Figuren, Spielzeug oder Kuckucksuhren herstellt. „Die andere Schiene ist die freie Bildhauerei.“ Für diesen Weg brauche es viel Disziplin, um sich einen Kundenkreis zu erarbeiten, so Kühnert. dpa
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