Zentral gelegen in Unsernherrn: die katholische Pfarrkirche St. Salvator. Foto: Wermter
Zentral gelegen in Unsernherrn: die katholische Pfarrkirche St. Salvator. Foto: Wermter

„Der Süden ist was ganz Besonderes“, sagt der promovierte Historiker, stellvertretende Schulleiter des Apian-Gymnasiums und stellvertretende Stadtheimatpfleger. „Es ist so eine Art Gegenentwurf zur Innenstadt.“ Hier im St. Anton-Viertel an der Münchener Straße bis raus nach Unsernherrn sei alles zu finden, was eine Stadt ausmacht. „Wir haben eine Grundschule, ein Gymnasium, eine Tanzschule, viele Gaststätten, Sportvereine, ein Krankenhaus, die Post und jede Menge Einkaufsmöglichkeiten“, zählt er auf. „Und wir haben den Hauptbahnhof. “Mit diesem Punktsieg in Sachen Lokalkolorit des Südens ist er bei den eigentlichen Wurzeln des „Eisenbahnerviertels“ gelandet.  
   

Platz für mehrere Tausend Arbeiter und ihre Familien

Denn es waren mehrere Tausend Arbeiter der diversen Bahnwerkstätten rund um den Bahnhof und ihre Familien, die sich dort verstärkt zu Beginn des 20. Jahrhunderts niederließen. „Bodenständige Menschen, die sich klar von den ,Großkopferten‘ jenseits der Donau absetzten. Menschen mit einem recht gesunden Selbstbewusstsein.“ Beispiel dafür sei etwa die jahrelange Konkurrenz zwischen dem ESV, dem Eisenbahnersportverein, und dem MTV in der Ingolstädter Innenstadt. Ein weiteres Beispiel sei die ab 1914 gebaute Kirche St. Anton. „Sie wurde ebenso wie die Augustinerkirche, die früher auf dem Viktualienmarkt stand, 1945 zerstört“, sagt Schickel. „Anders als die Innenstädter, die ihre Kirche dann völlig abrissen, bauten die Antoner die ihre innerhalb von zwei Jahren wieder auf.“ Anekdote am Rande: „Der damalige Pfarrer Paul Spreitzer fuhr mit dem Mofa herum, um Material für den Wiederaufbau zusammenzubetteln.“ Schickel stellt fest: „Für die Menschen an der Münchener Straße ist St. Anton eine Art Kristallisationspunkt ihrer Identität.“Weil es im Süden genug Platz gab, siedelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg zudem Flüchtlinge und Vertriebene an. Dadurch stieg der Anteil an Protestanten im Viertel, Ende der 50er-Jahre wurde dann St. Markus gebaut. Mit dem Zuzug einer großen Gruppe Siebenbürger-Sachsen Anfang der 70er-Jahre erhöhte sich der Anteil der Protestanten erneut.
     

Mittelständige Struktur der Bevölkerung

Auch heute wächst der Süden weiter.Meist sind es Familien, die dort ihren neuen Wohnsitz wählen. „Es ist ein kinderreiches Viertel“, sagt Schickel. Das zeige schon allein die deutliche Zunahme der Kinder an der Grundschule St. Anton. „Und am Apian-Gymnasium haben wir aktuell 185 Anmeldungen für das nächste Schuljahr.“
  

Heute sei eine weitgehend mittelständische Bevölkerungsstruktur festzustellen, sagt Schickel. Genau wie ein Stückchen weiter im Süden der Münchener Straße, in Unsernherrn. Die Siedlung entwickelte sich im 14. Jahrhundert rund um eine kleine Kirche, die nach einem Hostienfrevel gebaut worden war. Eine Besonderheit: die Sonnenbrücke über die Sandrach am Ortsausgang war zu damaliger Zeit die Zollstation zum Herzogtum Pfalz-Neuburg.

Und Unsernherrn gedieh prächtig. „Unter den Audörfern im Süden – Rothenturm, Kothau, Haunwöhr – nahm Unsernherrn als eine Art ,Verwaltungszentrum‘ bald eine Vorrangstellung ein“, erklärt Schickel. „Mit Ingolstadt hatten die fünf Dörfer damals nicht viel zu tun.“ Lediglich ihr Vieh hätten die Ingolstädter zu den Weiden im sumpfigen Gelände der Dörfer gebracht. An diese Plätze erinnerten heute noch Straßennamen wie Herrenlettenstraße (Lette bedeutet Lehm, Sumpf) oder Lohgraben (Lohe bedeutet Altarm der Donau).

Laut Matthias Schickel weist ein weiteres Geschehen auf das recht eigenwillige Verhältnis zwischen den Ingolstädtern und den Unsernherrnern hin: Die Städter errichteten nämlich ihr zentrales „Siechhaus“ Ende des 16. Jahrhunderts einfach in Unsernherrn. Sie wollten die Einrichtung, in derMenschenmit ansteckende in Krankheiten untergebracht worden waren, nicht in ihrer Stadt haben. Das „Siechhaus“ in Unsernherrn gab es bis Anfang des 19. Jahrhunderts. DK, Angela Wermter


Grusswort

Liebe Leserinnen und Leser,

bis weit ins 19. Jahrhundert hinein war der Ingolstädter Süden eine fast ungezähmte Schwemm- und Auenlandschaft, gestaltet von Schutter, Sandrach und vor allem der Donau mit ihren Seitenarmen und Altwassern. Nur wenige Siedlungsinseln konnten sich hier behaupten und erst nach der Verlegung und Zähmung der Donau mit dem beginnenden Festungsbau um 1830 konnten sich Audörfer wie Haunwöhr, Hundszell, Unsernherrn oder Kothau entwickeln. Mitten in diese Auenlandschaft wurden um 1870 die erste Eisenbahnlinie und der Hauptbahnhof gebaut, die neue Siedler brachten und mit ihnen entstand sogar ein völlig neuer Stadtteil, das „Eisenbahnerviertel“ Ringsee.

Bis heute findet man im Süden Ingolstadts kaum Industrie- und nur wenige Gewerbebetriebe, umso mehr wird der Bereich als Wohngebiet geschätzt.

Ihr
Dr. Christian Scharpf
Oberbürgermeister